Sommerpraktikum Japan im Bereich Administration
Warum können Japaner im Zug sofort einschlafen und kurz bevor sie an ihrer Station sind wieder aufwachen? Wie viele Dinge kann man beim Servieren von Tee falsch machen? Wie groß oder klein ist der Winkel beim Verbeugen vor einem Kunden oder dem Chef? Warum ist pünktlich zu spät? Und wieso verbeugt man sich auf einmal am Telefon?
Das alles sind Fragen, die sich manch einer vielleicht schon vor einem Praktikum im Land der Aufgehenden Sonne stellt.
Am Ende eines Praktikumsaufenthaltes dürften sich alle Fragen jedoch geklärt haben. Jedenfalls war das in meinem Falle so. Mein Sommer begann damit, dass ich in ein Flugzeug gestiegen bin, was mich mitten in eine der größten Metropolen der Welt brachte, wo ich für etwa 3 Monate eine ganz andere Arbeitskultur kennenlernen sollte.
Mein Arbeitsplatz war das Japanische Büro von AYUSA International, welches sich im Herzen Tokyos befindet, etwa 20 Minuten Fußmarsch entfernt vom Tokyo Tower und zu erreichen mit der berühmt berüchtigten „Yamanote Linie“ oder den Zügen der „Toei Asakusa Linie“ oder „Toei Oedo Linie“. Im Büro arbeiteten etwa 10 Festangestellt und 2‐4 Teilzeitangestellte. Den ersten Unterschied zu einem normalen Büro in Deutschland sieht man sofort, wenn man durch die Tür kommt. Es ist ein einziger, offener Raum und jeder kann jeden sehen und hören. Das hat alles auch seinen Sinn, denn so weiß jeder über das Bescheid, was vor sich geht und kann, wenn nötig, aushelfen. Das war auch des Öfteren meine Aufgabe im Büro.
Ein typischer Arbeitstag sah etwa so aus:
07:30 – Aufstehen, Frühstücken, Duschen, Anziehen
09:00 – In den Zug Steigen
09:45 – Ankunft im Büro
10:00 – Offizieller Arbeitsbeginn, Wöchentliches Meeting (Feedback/Update)
10:30‐12:00 – Meeting (Aufgabenverteilung), Eigenständige Arbeit
12:00‐13:00 – Mittagessen
13:00‐17:00 – Meeting (Feedback/Update/Aufgabenverteilung), Eigenständige Arbeit
17:00 (oder später) ‐ Feierabend
Wer denkt, dass man mit limitierten Japanisch Kenntnissen nichts zu tun hat beim Praktikum außer Kaffee oder Tee kochen, der irrt gewaltig. Die Unternehmen die Ausländische Praktikanten akzeptieren sind daran interessiert, Dinge über das Heimatland des Praktikanten zu lernen oder die speziellen Fähigkeiten des Praktikanten einzusetzen. So war es z.B. meine Aufgabe die Einstellung von Deutschen Mädchen zu Au Pair Aufenthalten mit denen von Japanischen Mädchen zu vergleichen und Unterschiede bzw. Parallelen ausfindig zu machen. Als Gegenleistung lernt man, wie die Arbeitswelt in Japan funktioniert. Trotz der augenscheinlichen Offenheit des Büros gab es strikte Regeln, was das Verhalten anging, ob mit den Kollegen oder, noch viel wichtiger, mit einem Kunden. Dazu gehört die richtige „Business Etikette“, wie z.B. das Übergeben von Visitenkarten, das richtige Verbeugen oder eben das Servieren von Tee. Diese Dinge mögen sich einfach anhören, aber man sollte den Tag nicht vor den Abend loben. Ich habe festgestellt, dass man weitaus mehr beim Servieren von Tee falsch machen kann, als die Tasse umzukippen.
Meine Arbeit war vielseitig (über alles zu sprechen würde den Rahmen dieses Berichts sprengen, der eigentliche Praktikumsbericht umfasst mehr als 30 Seiten) und ich habe für mein späteres Leben viel von dem, was ich in diesem Sommer gelernt habe mitgenommen. Nicht nur vom Praktikum selbst, sondern auch von dem, was AYUSA Japan für die Praktikanten neben den eigentlichen Praktika organisiert hat.
Alle 2 Wochen gab es eine Vorlesung von Menschen aus der Japanischen Business‐Welt. Sie erzählten uns von ihren Erfahrungen im In‐ und Ausland und machten auf einige „Eigenartigkeiten“ in der Japanischen Business‐Welt aufmerksam. Es wurde viel über Dinge diskutiert wie die immense Aufmerksamkeit die der „Harmonie“ („WA“ oder 和) im Japanischen Business‐ aber auch Privatleben gewidmet wird. Andere Dinge, die den Ausländischen Praktikanten und auch mir selbst ab und zu sehr fremd erschienen waren die „Indirekte Kommunikation“ und ein sehr auf „Augen zu und durch“ ausgerichtetes Arbeitsleben. Diese beiden Dinge treten sehr oft in Kombination auf, wenn man als Ausländer in Japan arbeitet. Als jemand der zwischen der asiatischen und europäischen Kultur aufgewachsen ist habe ich gedacht, dass ich mit diesen Einstellungen keine Probleme haben würde, doch ich musste feststellen, dass auch ich an meine Grenzen gestoßen bin während dieses Praktikums. Man ist es einfach zu gewöhnt, den Mund aufzumachen wenn einem etwas nicht passt. Etwas, was in Japan nicht üblich ist. Zum Glück sind die meisten Japaner sehr geduldig und verständnisvoll was das angeht, sie wissen schließlich, dass man als Ausländer manchmal nicht so recht mit dem fremden Umfeld zurechtkommt.
Man lernt selbst 3 Monaten, einem eigentlich recht kurzen Zeitraum, eine andere Seite von sich kennen, die man zu Hause vielleicht so nie entdeckt hätte. Man lernt auch, mit anderen Menschen aus anderen Kulturen (hoffentlich) richtig umzugehen. Natürlich wurde nicht nur gearbeitet und gelernt während des Aufenthaltes. Nach der ersten Hälfte des Aufenthaltes gab es einen Ausflug in die Kansai Region (Kyoto‐Osaka). Dieser war teilweise für Firmenbesuche vorgesehen (Shimadzu, KOMATSU, ROHTO Pharmaceuticals und K‐Line Logistics) aber Größtenteils zum Kennenlernen der Japanischen Kultur in der alten Hauptstadt (Kyoto) mit ihren vielen Tempeln, Palästen und anderen historischen Sehenswürdigkeiten.
Die kurze Unterbrechung gab einem wieder neuen Elan um die zweite Hälfte des Praktikums anzugehen und es gab einem Zeit, die anderen Praktikanten besser kennenzulernen. Denn auch wenn wir fast alle zusammen gewohnt haben, so waren unsere Arbeitszeiten doch meist verschieden und nach Feierabend hatte man entweder eine Verabredung mit seinen Kollegen zum gemeinsamen Essen und Trinken oder man war schlicht und einfach schon zu müde um noch etwas zu unternehmen. Dafür waren die Wochenenden umso voller. Aber so wird es auch nie langweilig.
Ich kann dieses Praktikum allen empfehlen die folgendes suchen:
‐ Eine komplett andere Arbeitswelt als in Deutschland kennenzulernen
‐ Bzw. speziell die Japanische Arbeitswelt kennenzulernen
‐ Den Umgang mit Menschen aus einer anderen Kultur zu erlernen
‐ Viel Arbeit, viel Erfahrung und viel Spaß!
Jemand der nur Berufserfahrung in einem speziellen Feld in Japan sucht ist eher fehl am Platze in diesem Programm. Es ist mehr auf Kultur und generelles Verständnis der Japanischen Business‐Welt ausgerichtet. Ich bin um viele Erfahrungen reicher geworden aber ich glaube, das war erst die Spitze des Eisbergs. Hätte ich die Wahl, würde ich das Programm noch einmal machen um noch mehr zu lernen.
Ich bedanke mich herzlich bei all meinen netten Kollegen in Japan, die gleichzeitig auch die AYUSA Ansprechpersonen vor Ort gewesen sind und den AYUSA Deutschland Mitarbeitern für diesen einmaligen Sommer.
Kira




