Interview mit Ayusa-Intrax Teammitglied Julia Birnstein in Frankreich
Was war deine Motivation für Intrax / Ayusa zu arbeiten?
Als ich als Schülerin von der Möglichkeit erfuhr, ein Schuljahr im Ausland zu verbringen, wusste ich sofort: Ich muss in die USA. Und nach einem traumhaften und erfahrungsreichen Jahr in Pasadena war ich infiziert mit dem Weltenbummler-Virus. Das komplette Eintauchen in eine Kultur, Sprache und Land faszinierte mich, lernte man dadurch nicht nur das bisher Fremde, sondern auch das Eigene viel besser kennen. So studierte ich Kommunikation und Kultur mit Schwerpunkt Marketing und lebte und lernte noch weitere drei Jahre im Ausland, in Spanien.
Bei Ayusa Berlin übernahm ich im August 2005 die Marketingabteilung. Hier konnte ich meine Freude am Kulturaustausch weiter geben und dazu beitragen, möglichst viele junge Menschen von einem Auslandsaufenthalt zu begeistern und ihnen diese großartige bereichernde Erfahrung zu ermöglichen. Nach etwas mehr als drei Jahren merkte ich erneut, dass meine Entdeckungslust an neuen Kulturen noch nicht gestillt war und beschloss, mit meiner kleinen Familie nach Frankreich zu ziehen. Seit Ende 2008 wohne ich nun in Marseille, lebe täglich den Kulturaustausch und freue mich, dass ich weiterhin dazu beitragen kann, Jugendlichen in Frankreich,
Deutschland und der ganzen Welt den Kulturaustausch zu ermöglichen.
Was gefällt dir am besten an deiner Arbeit als Repräsentantin?
In der Provence bin ich nun auch zum ersten Mal Repräsentantin für Intrax / Ayusa und habe viel mehr Kontakt zu Teilnehmern und Eltern bzw. Gasteltern als früher. Besonders gut daran gefällt mir, dass ich die Franzosen und die Region besser kennen lernen kann, da ich viel unterwegs bin und Einsichten in das südfranzösische Familienleben, in Wohnungen, Häuser und den Lebensstil erhalte. Auch der direkte Kontakt mit Austauschschülern aus aller Welt macht mir Freude, die mit mir ihre Erfahrungen und ihre persönliche Sicht auf das Leben hier in der Provence teilen. Ich lerne ständig dazu!
Aus deiner eigenen Erfahrung als Deutsche in Frankreich: was waren anfangs die größten Herausforderungen für dich?
Die größte Herausforderung war anfangs sprachlicher Natur. Ich hatte leider kein Schulfranzösisch und so fehlten mir die Grundkenntnisse, auf denen ich hätte aufbauen können. Anders als bei meinen bisherigen Aufenthalten im Ausland spreche ich auch mindestens 80% Deutsch am Tag und so fühle ich mich manchmal wie in einer deutschen Oase am Mittelmeer. Dennoch habe ich in den letzten zwei Jahre enorme Fortschritte gemacht und es gibt nur noch wenige Gesprächssituationen, in denen ich mich wie ein Kleinkind fühle. Woran ich mich ebenfalls gewöhnen musste, ist das Leben in der „Provinz“. Frankreich ist ein sehr zentral nach Paris orientiertes Land. Man lebt entweder in der Ile de France (Großraum Paris) oder eben in der Provinz. Marseille, das mit seinen ca. 800.000 Einwohnern mit Lyon um den Platz der zweitgrößten Stadt des Landes konkurriert, hat zwar viele Einwohner und ist von der bewohnten Fläche sicherlich groß, von der Struktur her aber eher kleinstädtisch. Öffentliche Verkehrsmittel lassen zu wünschen übrig und die Stadt versinkt regelmäßig im Verkehrschaos. Wenn man von deutschen U-Bahn- und Busnetzen sowie Fahrradwegen verwöhnt ist, muss man sich hier ziemlich umstellen und entsprechend anpassen. Mittlerweile versuche ich die meisten Strecken zu laufen oder nehme – wie die Einheimischen – das Auto.
Was zeichnet das Leben in Frankreich im Unterschied zum Leben in Deutschland aus?
Meines Erachtens ist der Alltag hier viel klarer aufgeteilt in ein Leben unter der Woche und ein Leben am Wochenende. Unter der Woche sind die Jugendlichen komplett in der Schule eingespannt, die Eltern arbeiten und man trifft sich erst abends zu Hause zum gemeinsamen (warmen) Abendessen. Dies ist dafür umso wichtiger. Bei der einzigen gemeinsamen Mahlzeit am Tag tauscht man sich über alles Erlebte aus, führt längere Gespräche und nimmt sich füreinander Zeit. Für Freizeitaktivitäten bleibt eigentlich nur der Mittwochnachmittag, der in Frankreich schulfrei ist. Das Wochenende gehört dann wieder der Familie. Man macht gemeinsam Ausflüge, trifft Freunde, macht Sport, geht Wandern, ins Kino, zum Essen etc.
Wie würdest du eine „typische“ französische Familie beschreiben?
Eine typisch französische Familie gibt es genau so wenig wie eine typisch deutsche Familie. Die Gastfamilien, die ich bisher kennen lernen und mit denen ich zusammen arbeiten durfte, hatten alle Kinder und wohnten in einem Haus mit Pool. Das ist mit Sicherheit jedoch kein typisches Familienmodell. Es gibt auch in der Provence Familien, die in Wohnungen leben und in denen sich Gastschüler ein Zimmer teilen müssen. Dass eine Gastfamilie eigene Kinder hat, ist hingegen eher wahrscheinlich, denn die Gasteltern wollen nicht nur sich selbst, sondern primär ihren Kindern den Austausch mit einer anderen Kultur ermöglichen.
Was schätzt du am französischen Leben am meisten?
Franzosen legen viel Wert auf gute Nahrungsmittel und gutes Essen. Die Qualität (und damit leider auch der Preis) von Nahrungsmitteln ist recht hoch und es gibt zahlreiche, täglich stattfindende Märkte, die frische Zutaten aus den Gärten der Provence anbieten. Essen ist demnach hier auch nicht nur Nahrungszufuhr, sondern nimmt viel Platz im Alltag ein. Selbst unter der Woche macht man mittags eine längere Pause, nimmt Kaffee und Dessert zu sich und häufig sogar einen Schluck Wein. Der Stellenwert, der dem Essen hier eingeräumt wird, trägt u.a. zu einer recht entspannten Lebensweise bei, da man die Arbeitszeit unterbricht, eine echte Pause macht und komplett abschaltet. Es fasziniert mich immer wieder, mit welcher Ruhe und Gelassenheit Franzosen Mittagessen können!
Wir haben uns hier mit der Provence sicherlich eine der der schönsten Regionen in Frankreich ausgesucht. Der Freizeitwert ist enorm und die Landschaft sehr vielseitig: Berge, Meer, Seen, Lavendelfelder, kleine provenzalische Dörfer und immer dieser blaue Himmel mit dem unglaublich schönen warmen Sonnenlicht. Ich verstehe immer besser, warum sich zahlreiche Maler hier nieder gelassen haben. Das gute Wetter verwöhnt und man setzt es als gegeben voraus. Eine Schlechtwetter-Option für Unternehmungen, wie ich sie in Deutschland immer im Hinterkopf haben musste, wird hier nie geplant. Warum auch?
Gibt es etwas, das Austauschschüler in Frankreich beachten sollten?
Im Vergleich zu Deutschland haben Schüler hier in Frankreich sicherlich weniger Freizeit und viel Schule. Die Abende sind eher kurz, denn wenn man um 5 oder 6 Uhr nach Hause kommt, muss man sich noch auf den nächsten Tag vorbereiten und Hausaufgaben machen. Man sollte sich also darauf einstellen, dass die Schule viel Raum im französischen Leben einnimmt.
Austauschschüler, die nach Frankreich kommen, sollten außerdem bereit sein, über sich zu erzählen, sich zu öffnen und zum Familienalltag beizutragen. Dies hat zwei enorme Vorteile: Durch die ausführlichen Gespräche integrieren sich Austauschschüler recht schnell in die Familie und werden zu echten Familienmitgliedern. Darüber hinaus wachsen sie ins Französisch rein und erweitern ihre Sprachfertigkeit auch im Kontext privater Erzählungen und Diskussionen.
Sonst gilt das Gleiche wie für andere Länder auch: Seid offen und neugierig, kommunikativ und humorvoll und ihr werdet eine großartige Zeit in Frankreich verbringen!






