Kanada - einmalig, anders und so schön.
Das erste Semester der 11. Klasse habe ich in einer Kleinstadt in der Nähe von Toronto, Canada verbracht. Mit einer, für mich, perfekten Gastfamilie erlebte ich einen aufregenden Alltag und noch ereignisreichere Wochenenden.
Ich, als Einzelkind mit zwei Wellensittichen zu Hause, kam in eine amerikanische Familie, die aus einer Gastmutter, drei Gastbrüdern (einer studiert in Florida), drei Hunden und zwei, bzw. später sechs Katzen bestand. Alles war so fremd und neu. Doch schon bei der ersten Begegnung merkten meine Gastmutter und ich, dass wir uns gut verstehen würden. Letztendlich wurde sie zu meiner engsten Vertrauten in diesem fernen Land. Meine Gastbrüder anfänglich noch schüchtern, behandelten mich bald wie einen Teil der Familie und sobald mein großer Bruder das Haus verließ, wich seine Hündin nicht von meiner Seite. Als echte Tierliebhaberin fühlte ich mich pudelwohl inmitten unseres kleinen Heimzoos. Eins der Highlights während meines Aufenthalts war die Geburt von vier süßen, kleinen Katzenbabys, die die gesamte Familie schon bald gut im Griff hatten.
Auch in der Schule fand ich schnell Anschluss. Die anderen Schüler begegneten mir offen und neugierig. Morgens fuhr meine Gastmutter Caro, die brasilianische Austauschschülerin von gegenüber und schon bald enge Freundin, und mich zur Schule. Im Gegensatz zu Deutschland begann meine erste Schulstunde erst um 8:05, die fünfte Stunde endete um 14:40 und eine Stunde dauert jeweils 1,14 h. Ich hatte jeden Tag die gleiche Fächerkombination:
1. English
2. Kochen
3. Spanish
4. Lunch (also frei)
5. Mathe
Das war also mein täglicher Stundenplan. An vieles musste ich mich erst gewöhnen, nicht nur an die krumme Zahl sondern auch daran, dass jeden Tag in den ersten Minuten die kanadische Hymne gespielt wurde, genau wie an die Ansagen aus Lautsprechern (sog. Announcements) die am Ende der ersten Stunde zu vernehmen waren. Hierbei wurde man über alles Neue informiert, wenn man denn etwas verstand.
Auch wenn die amerikanischen und kanadischen Schüler immer aufgrund ihrer guten Einstellung zum Lernen gelobt werden, musste ich doch feststellen, dass sie nicht viel anders gestrickt sind, als die deutschen Schüler. Abgesehen vom Umgang miteinander, hier ist er sehr viel freundlicher als in Deutschland, sind die Kanadier allgemein sehr höflich und zuvorkommend.
Natürlich waren sowohl Thanksgiving als auch Halloween interessante und schöne Erfahrungen. Unser Turkey war riesig, aber trotzdem ist nicht allzu viel davon übrig geblieben. Obwohl das eigentliche Thanksgiving am Montag stattfindet in Canada, haben wir innerhalb der Familie schon am Sonntag den Turkey genossen. Wobei das Turkey-Dinner aus, wie es mir schien, unendlich vielen Beilagen und nicht nur aus dem Truthahn besteht. Es hat mich ziemlich an Weihnachten erinnert. Die Vorbereitungen begannen gleich vormittags, nachdem wir aus der Kirche zurück waren. Wer jetzt aber denkt, dann waren wir schnell fertig hat sich grundlegend getäuscht. Als der Puter schön im Ofen geschmort hat, die Beilagen auf dem Herd geköchelt haben, wurde das Haus in Angriff genommen. Nach der Generalreinigung des Hauses, folgten die weitere Zubereitung von allerlei Beilagen und schließlich das Schneiden des Truthahns. Der eigentliche Thanksgiving-Gottesdienst war am Montag und ganz spontan wurde ich innerhalb von zwei Tagen zu meinem zweiten Turkey-Dinner eingeladen. Die Familie von Aarons Vater feierte am Montag und sie hießen mich wirklich mit offenen Armen willkommen. Wir aßen bei der Tante und dem Onkel von Aaron. Die Familie erinnert mich ziemlich an meine eigene. Wie schon erwähnt wurde hier Turkey serviert und ich hatte aus meinem Fehler von Sonntag gelernt und mich diesmal nicht überfressen. Ich wurde auch gleich eingeladen in den Weihnachtsferien mit der ganzen Familie in die USA zu verreisen, auch wenn ich dankend abgelehnt habe, weil ich die Zeit mit meiner Gastfamilie zu Hause verbringen wollte, war ich doch von der Offenheit und Gastfreundschaft überwältigt.
Auch mein erstes richtiges Halloween war vollkommen neu und aufregend. Am 30.10. fand an meiner Schule der traditionelle Halloween-Dance statt, doch es war weniger ein Ball, als Disco in der Cafeteria. Doch trotzdem hatte ich unheimlichen Spaß und lernte viele neue Leute kennen. Die meisten werden sich wahrscheinlich fragen, warum der Dance nicht direkt an Halloween und somit an einem Freitag veranstaltet wurde. Das hat einen ziemlich simplen Grund, man wollte vermeiden, dass die Schüler betrunken dort ankommen. Deshalb waren auch Polizisten vor Ort und trotzdem kam der Großteil ziemlich betrunken dort an.
Nun ergriff ich das erste Mal die Gelegenheit meinen Geburtstag ganz traditionell an Halloween zu feiern. Am Nachmittag kam meine Nachbarin rüber und wir haben uns fertig gemacht, um von Haus zu Haus zu gehen und nach Süßem zu fragen (trick-or-treat). Also zogen wir haben unsere Kostüme an und warteten auf die Anderen gewartet. Während des Herumziehens sind wir auf einige ziemlich seltsame Leute gestoßen. Zum Beispiel saß in einem Vorgarten eine Puppe auf einer Bank und meine Freundin hatte sich neben sie gesetzt, den Arm um sie gelegt, um ein Foto machen zu lassen. Plötzlich sagte sie:" Ich glaube, die ist echt." Nach einigem Betrachten und Anfassen stellten wir dann fest, dass die Puppe doch keine Puppe sondern ein Mensch war.
Das nächste große Ereignis weniger für mich, als für meine brasilianische Freundin Caro, war dann der erste richtige Schneefall in Oakville. Am 19.11. konnte ich es dann auch nicht mehr ignorieren, dass es schneite, da ich in den offenen Schuhen meiner host mum draußen ziemlich nasse und kalte Füße bekommen hatte. Um Caros ersten richtigen Schnee zu feiern, wurde draußen ein ausführliches Fotoshooting veranstaltet. Das war der Auftakt zu einem sehr kalten und schneereichen Winter. Hierbei sollten wir über 50 cm Schnee und Temperaturen bis zu -30°C erleben.
Besonders mit der Austauschschülerin unserer Nachbarn, eine Brasilianerin verbindet mich noch jetzt eine innige Freundschaft. Wir unternahmen alles zusammen. Vom Gassi gehen mit meinen Hunden, bis zum Fernsehen gucken oder gemeinsam Hausaufgaben machen bei ihr. Wir beide wurden schon bald als unzertrennlich bezeichnet und störten uns wenig daran. Dank einer Reise nach New York City in der Adventszeit mit ihr, einigen weiteren Freunden und einer großen Reisegruppe, knüpften wir Freundschaften mit Menschen, die über den ganzen Globus verteilt leben.
An Weihnachten lernte ich nun endlich meinen ältesten Gastbruder kennen, der in seinen Ferien nach Hause kam. Auch das traditionelle Weihnachtsfest, die aufwändigen Besorgungen vorher und die Einladung zu einem vorverlegten Fest mit der ganzen Familie bei Grandma gefielen mir unglaublich gut. Doch zu dieser Zeit verspürte ich auch so ziemlich das einzige Mal wirklich Heimweh, da an Heiligabend nichts wirklich stattfand. Dafür war der nächste Morgen umso schöner. Mit drei fantastischen Gastbrüdern und einer Gastmom, die vor Glück weinte, konnte es auch nur ein voller Erfolg werden.
Somit lernte ich nicht nur die kanadische Kultur, sondern auch einen Teil der amerikanischen und der brasilianischen kennen. Ich bin sehr glücklich, dass meine Eltern und ich den Mut aufgebracht haben (ja, auch die Eltern haben eine schwere Zeit), das Abenteuer Ausland zu wagen. Es hat sich gelohnt und ich hab neben vielen Freundschaften auch eine zweite Familie gefunden.
Janina





