Mein Austausch und wie er sich auf mein Leben ausgewirkt hat
Ich habe meinen Austausch im Schuljahr 08/09 in einem Vorort von Sacramento, CA in den USA verbracht. Ich habe bei einer langjährigen Freundin von meinen Eltern gewohnt und war ein Senior an der Del Oro High School in Loomis, CA.
*Gastfamilie:

Meine „Familie“ hier war genau das Gegenteil von meiner deutschen Familie. Neben meinen Eltern habe ich 2 jüngere Schwestern. In meiner Gastfamilie waren es nur meine Gastmutter Monica und ich. Das war sehr gewöhnungsbedürftig, da ich es gewohnt war immer jemanden dazu haben, der mich nach der Schule begrüßt und fragt, wie mein Tag war, für mich kocht, sich um mich kümmert, mich fahren kann. Ich war zwar nicht verwöhnt in Deutschland, aber es war immer einer da. In Amerika war das anders: meine Gastmutter lebte alleine, hat von morgens um 7 bis abends um 7 gearbeitet, da sie Zahnärztin mit eigener Praxis war. Das heißt, dass sie oft erst gegen 9 nach Hause kam, weil sie noch Sachen erledigen musste. Das heißt, ich war meistens den ganzen Tag alleine zuhause. Ich musste selber kochen (was für mich sehr schwer war mir fiel nie ein, was ich kochen wollte, geschweige denn, ob wir überhaupt etwas zum Kochen im Haus hatten).
Aber ich habe auch viel erlebt. Meine Gastmutter war definitiv oberklasse, und ich habe in einem super schönen Haus gewohnt. Außerdem habe ich gelernt, wie man sich schick anzieht und habe mir den ein oder anderen sehr hilfreichen Fashion Trick abgeschaut. Ich wurde gewandt in Wort und Schrift. Meine Gastmutter war Klassenbeste in der Schule und ist sehr gebildet, deshalb legte sie großen Wert auf meinen Ausdruck. Oft bin ich mit meiner Gastmutter in Restaurants gewesen, war oft schick aus. Viele Leute haben mich für Anfang zwanzig gehalten, da ich schon so erwachsen sprach und mich verhielt. Das sind 5 Jahre Unterschied!
Alles in allem bin ich viel selbstständiger und definitiv erwachsener geworden und habe die Möglichkeit gehabt, ein Einzelkind und damit der Mittelpunkt in allem zu sein. Das habe ich sehr genossen. Ich habe eine Seite des Lebens kennengelernt, die ich so nie gesehen hätte.
*Travel:
Wir waren einige Male in San Mateo, wo ihre Schwester und deren Familie wohnen, was ich sehr genossen habe. Ich war auch 4 Mal in San Francisco. Einen Tag sind wir nach Reno gefahren, wo ich mir eine Rede vom damaligen Senator Obama angehört habe. Mehr dazu später. Und mein absolutes Highlight: für eine Dental Conference ist meine Gastmutter mit ihren Mitarbeitern für 4 Tage nach Las Vegas geflogen, und ich durfte mit! Es war einfach unglaublich! Wie haben auch eine super tolle Show gesehen, und waren einmal im Nobelhotel Bellagio essen. Vegas ist echt ein Ort, den man erlebt haben muss, er ist einzigartig. Auch wenn ich doch sehr froh war, nach den 4 Tagen in den Flieger zu steigen und nach Sacramento zurückzufliegen. Das Geklimper und Geringe von den Automaten hatte ich noch für 2 Tage im Ohr.
Über die Weihnachtsferien war ich dann auch noch einmal weg. Ich verbrachte 10 Tage mit meiner Gasttante + Familie und die Eltern und 2 Schwestern (+ Familie) von meinem Gastonkel am Lake Tahoe. Es war super schön da! Und ich hatte Schnee! Den gibt es ja nicht in Sacramento. Ich habe die Zeit sehr genossen!
*Schule:
Wie gesagt, ich war ein Senior an der Del Oro High. Es war einfach unglaublich! Die Leute waren super nett, und die Klischees, die ich von der amerikanischen High School hatte, gab es überhaupt nicht! Ich war mit über der Hälfte des Cheerleading squads befreundet, und die waren alle super nett! Es gab keine „beliebten“ und „unbeliebten“ Leute. Alle hatten Cliquen. Natürlich hingen die Bandkids mit Bandkids rum, aber die sind auch ein bisschen die Ausnahme. Aber sonst waren alle möglichen Leute zusammengewürfelt. Coole Leute, Tänzer, Sportler, intelligente Leute hingen alle zusammen rum. Und wenn man mal den einen Tag bei anderen Freunden sitzen wollte, dann war das ok mit allen und man wurde (meistens) super freundlich eingeschlossen.
Die Lehrer waren alle nett und hilfsbereit, und ich habe so manche meiner Pausen im Klassenraum verbracht und mich mit den Lehrern unterhalten. Oder ich war im Office, um mit meiner Beraterin (Councelor) zu reden.
Am besten fand ich meine Klassen. In Deutschland war ich nur „langweilige“ Fächer gewöhnt. In den USA hatte ich die Wahl zwischen ganz vielen super interessanten Kursen und habe mich letztendlich für diese entschieden:
1.Halbjahr: -Care and prevention of athletic injuries
-Trigonometry/ Pre-calculus (Pflichtfach)
-Dance 2 (da ich seit meinem vierten Lebensjahr tanze, konnte ich Dance 1 überspringen)
-Englisch 12 (Pflichtfach)
2.Halbjahr: -American government/economics (Pflichtfach)
-Psychology
-Dance 3
-US History
Ich hatte die Klassen jeden Tag, für je 90 Minuten. Ich habe echt viel gelernt. Care and Prevention und Psychologie waren echt interessant und es war super, die Möglichkeit zu haben, solche Fächer zu nehmen. Englisch war super, da unser Lehrer echt verrückt und cool war und der Unterricht nie langweilig. In government/economy und US History habe ich viel über Amerika gelernt und es war super interessant und spannend.
*Presidential Election: Das war natürlich ein super Highlight, bei dieser Wahl dabei gewesen zu sein. Es wurde Geschichte geschrieben! Ich habe viele Abende vor dem Fernseher mit meiner Gastmutter verbracht und politische Sendungen geguckt. Das ganze Land war einfach on fire, und es war einmalig! Meine Gastmutter war ein riesiger Supporter von Obama, und wir waren oft auf Wahlkampfveranstaltungen oder Obama Partys. Im September sind wir nach Reno gefahren, um uns eine seiner Reden anzuhören. Wir standen vor den Toren des Stadions gegen 4 Uhr morgens. Wir waren mit einer der ersten und standen extrem weit vorne. Auf jeden Fall war es einfach einmalig!
*Kultur:
Wow, also der Kulturschock war echt extrem. Ich meine, die Amerikaner sehen aus wie wir, und man denkt die sind genauso. Aber weit gefehlt! Es hat mich sehr überrascht, WIE extrem unterschiedlich wir sind. Aber da kann man sich auch nicht besonders vorbereiten, Bücher lesen oder etc. Die Kultur muss man einfach erleben, und sich einleben. Irgendwann macht es dann Klick und man verhält sich anders. Es war hart, das möchte ich nicht abstreiten, aber es war doch cool, als dann endlich dieser Klick kam. Auf einmal kannte man 2 verschiedene Kulturen! Ich finde besonders die Offenheit der Amerikaner sehr angenehm. Es ist einfach, mit jemandem ins Gespräch zu kommen und Bekanntschaften zu machen. Ich liebe diese kleinen Small Talks. Auch wenn man nicht immer weiß, wer jetzt Bekanntschaft und wer Freund ist, aber das bekommt man doch auch mit Zeit und etwas Gespür mit.
*Mode:
Auch wenn ich jemand bin, der recht wenig wert auf „trendy“ und die neuste Mode legt, habe ich mich entschieden ein bisschen darüber zu schreiben. Hier an der High School sah man viele verschiedene Styles. Hippies, Rocker, Nerds, Mädels, die es ausreichend fanden nur die Hälfte ihres Hinterns mit Rock oder super Mini Shorts zu bedecken, Sportler, Kinder, die in ihren Pyjamahosen rumliefen und so weiter. Ich fand‘s super! In Deutschland laufen alle nur dem neusten Trend hinterher, oder dem zweitneusten. Hier ist es egal, was man anhat. Ich habe oft super verrückte Sachen getragen, und meinen Stil von Tag zu Tag geändert. Manchmal hatte ich Kleider und hohe Schuhe an, an einem anderen Tag dann Sweatpants und Schlabber T-Shirt. Es war egal. Natürlich stach ich heraus, da ich auch Sachen versuchte, die man noch nie gesehen hat. Mein Englischlehrer meinte einmal: man sieht wirklich, dass du aus Europa kommst. Etwas anderes, was ich super genossen habe, war, dass ich fast das ganze Jahr in kurzen Hosen, Röcken und Tops rumlaufen konnte. California halt
*Alles in allem:
Im Endeffekt war mein Austauschjahr einfach nur Wahnsinn! Ich habe sooo viel erlebt, ich habe in einem anderen Land gelebt, kenne die Kultur, die Sprache, die Umgangsformen… Ich habe Freunde aus den USA, habe interessante Leute kennengelernt und viele Plätze gesehen.
Es war definitiv nicht einfach! Keineswegs. Oft hatte ich Heimweh, oder habe mich in den Schlaf geweint, weil ich keine richtigen Freunde hatte oder wenn meine Gastmutter mal wieder irgendwelche Sachen behauptete oder sagte, die mich aus der Bahn warfen. Ich habe Kulturschocks überstanden, Herzschmerz, verrückte Lehrer und komische Mitschüler. Ich wurde aus meinem Umfeld gerissen, in dem ich 16 Jahre lang behütet aufgewachsen bin. In ein fremdes Land, zu fremden Leuten, mit fremder Kultur und anderer Sprache. Ohne meine Eltern, ohne meine alten Freunde. Niemanden. Ich habe von 0 angefangen, und mir ein neues Leben aufgebaut. Ich habe gelernt, auf mich selber aufzupassen, bin erwachsen geworden, hab mich selber gefunden. Denn wenn man aus seinem normalen Tagesablauf und Umfeld gezogen wird und in ein fremdes gesteckt wird, das was am Ende rauskommt, das bist du. Und nur du.
Ich würde gerne mit einem Zitat/ Gedicht abschließen, das wie ich finde sehr gut passt. Es stammt von Alan Alda und heißt „Be brave“:
Be brave enough to live life creatively.
You have to leave the city of your comfort
and go into the wilderness of your intuition
You can’t get there by bus, only by hard work and risk and
by not quite knowing what you are doing.
What you’ll discover
will be wonderful
what you’ll discover will be yourself.
Dieses Jahr war einmalig. Es war extrem, in vielen Aspekten. Ich war auf den höchsten Bergen und in den tiefsten Tälern. Ich war an Plätzen, die ich mit nie vorgestellt hätte. Ich habe Erfahrungen gemacht, die man nur als Austauschschüler machen kann. Ich habe einmalige Freundschaften entwickelt. Freunde fürs Leben gefunden. Und mich selber. Dafür bin ich dankbar!
Amelie



