Au pair Arbeit mit behinderten Kindern: Meine drei autistischen (B)engelchen

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Au pair Arbeit mit behinderten Kindern: Meine drei autistischen (B)Engelchen

Mit so vielen Hostkids ist Langeweile ein abosolutes Fremdwort (c) Ayusa-Intrax

Die Gastfamilien für ein Au pair können ganz unterschiedlich aussehen. Heute berichtet dir Returnee Andrea von ihrer ganz besonderen Gastfamilie. Sie war ein Jahr lang das Au pair von drei autistischen Kindern und hatte zusätzlich auch immer ein Auge auf deren vier Geschwister! Wie es für sie war und warum sie ihre Hostkids jetzt -zurück in Deutschland- so sehr vermisst, erklärt sie dir in diesem Blogbeitrag.

Das Gastfamilien Matching

Vorab muss ich sagen, dass ich kaum Erfahrung in dem Bereich hatte. Ungefähr ein Jahr vor Beginn meiner Reise als Au pair absolvierte ich ein dreiwöchiges Praktikum in der zweiten Klasse einer Sonderschule und hatte keinerlei anderer Kenntnisse vorzuweisen. Beim Ausfüllen der Au pair Unterlagen kann man sich entscheiden, ob man bereit wäre auf beeinträchtigte Kinder aufzupassen. Mir war trotzallem sofort klar, dass dies für mich kein Problem darstelle, denn ich wollte mir eine Familie ausschließlich nach Sympathie aussuchen. Nach einigen Skype-Konversationen und der mehrmaligen Wiederholung meiner zukünftigen Gastmutter, dass meine geringe Erfahrung kein Problem darstelle, entschied ich mich letztendlich für ihre Familie mit sieben Kindern im Alter zwischen drei und neun Jahren. Drei der Jungs waren Autisten und die drei Mädchen brauchten sehr viel Unterstützung beim Lernen. Der Jüngste war das einzige, dort lebende biologische Kind der Eltern und mit seinen drei Jahren ein süßer, frecher Junge.

Aller Anfang ist schwer

Ich war das erste Au pair dieser Familie und muss gestehen, ich dachte die autistischen Jungs würden mehr Zeit brauchen, um mit einer Fremden, dazu noch Ausländerin, die die englische Sprache zu dem Zeitpunkt nicht perfekt beherrschte, warm zu werden. Jason, Tony und Timmy haben sehr verschiedene Charaktereigenschaften, beherrschen aber alle die Sprachfähigkeit, auch wenn sie diese nicht immer in vollen Zügen gebrauchen. Wie viele Autisten haben diese Jungs ihre persönlichen Lieblingsthemen, denen sie vollste Aufmerksamkeit widmen. Timmy ist vernarrt in Technik, Tony liebt Tiere – zeig ihm irgendein noch so unbekanntes Tier und er sagt dir sofort den Namen – und Jason hat eine Schwäche für Filmproduktionen. Sie schliefen wenig – ohne Medizin fast gar nicht, wachten oft nachts auf, wurden sehr schnell aggressiv, wenn etwas nicht so passierte wie sie es wollten, konnten aber auch total süß sein und eine Umarmung von ihnen bedeutete sehr viel. Zu Beginn fühlte ich mich etwas überrannt und hatte das Gefühl mein Augenpaar reiche nicht zur Kontrolle, wenn Timmy elektronische Geräte ohne Erlaubnis irgendwo versteckte, um sich in der Nacht aus dem Bett zu stehlen und sich dem Gerät voll ganz zu widmen, Tony seinen Schwestern sehr gereizt seine Meinung aufzwingen wollte und Jason zur selben Zeit, nackt wie immer, Seife in den Whirlpool schmiss, um einen aufschäumenden Cartoon-Effekt zu produzieren.

Au pair Arbeit mit behinderten Kindern: Meine drei autistischen (B)Engelchen

Neben dem aufregenden Alltag in der Gastfamilie durfte das Sightseeing-Programm nicht zu kurz kommen (c) Ayusa-Intrax

Die ersten Erfolgserlebnisse

Jeden Tag kamen drei bis vier Therapeutinnen, die sich mit jedem der Jungs beschäftigten und so begann ich an den Sitzungen teilzunehmen, um mehr über die Denkweisen und Verhaltensmuster der Drei zu erfahren. Ich lernte schnell viele Tricks; z.B. richtig mit ihnen zu reden, wie ich mich in verschiedenen Situationen verhalten musste und schon nach ein paar Wochen konnte ich, ähnlich einer Hellseherin, genau voraussagen Wann und Wer, Was gleich anstellen würde. Die Eltern ließen mich zu Beginn dankbarer Weise nicht alleine mit den Kindern, doch nach einiger Zeit reichten meine Augen trotz anfänglicher Bedenken völlig, um gleichzeitig alle sieben im Blick zu haben, Teil der Therapiestunden zu sein und Mittagessen zu kochen. Ich schaffte es Jason Kleidung anzugewöhnen, half den Jungs beim Duschen, Zähne putzen, nahm sie zum Auspowern auf ein riesiges Trampolin, wo sie 45 Minuten non-stop bis zur totalen Erschöpfung springen konnten, beim Runterkommen wenn sie wütend waren, wir gingen schwimmen und ich nahm ihnen die Angst vor dem tiefen Becken statt nur im Babybecken zu sitzen. Die Fortschritte fühlten sich unglaublich an und ihre kleinen Ticks wurden von Tag zu Tag harmloser und irgendwann konnte ich nur noch über sie schmunzeln.

Jetzt zurück in Deutschland sitze ich in meiner Studentenwohnung und vermisse all die Stimmen, das Geschehen und die verrückten Dinge die tagtäglich mein Leben dort ausmachten.

-Andrea-