Stellt euch vor, Weihnachten wäre ein Date-Abend bei KFC und das eigentliche Familienfest würde im Januar stattfinden. Genau so sind die Feiertage in Japan. Wer einen Schüleraustausch in Japan plant, sollte auch die Feiertage in Japan kennen, denn sie ticken komplett anders als in Deutschland und genau das macht sie so spannend.
Neujahr: Das eigentliche „Weihnachten“ Japans
Vergiss den 24. Dezember. Das große Familienfest in Japan heißt Oshōgatsu und findet zum Jahreswechsel statt. Millionen Menschen steigen in Züge und fahren nach Hause, Geschäfte machen tagelang dicht, und ganz Japan atmet kurz durch.
Bevor es soweit ist, wird aber erst einmal geputzt. Zwischen Weihnachten und Neujahr steht das Osoji an, ein regelrechter Großputz im ganzen Haus. Jede Ecke wird gereinigt, denn man will Haus und Geist vom alten Jahr befreien und Platz für Glück im neuen Jahr schaffen.
Unsere Austauschschülerin Anastasia hat diese Tage bei ihrer Gastfamilie hautnah miterlebt:
„Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr haben wir hauptsächlich damit verbracht, das Osoji im Haus zu machen, in allen Ecken wurde geputzt.“
Am 31. Dezember werden dann traditionell Zitronen ins Ofuro, das japanische Badewasser, gelegt, um böse Geister zu vertreiben.
Am Silvesterabend selbst spielen Familien gerne zusammen Spiele. Zum Beispiel Karuta, ein klassisches Kartenspiel, bei dem man bei 100 Karten blitzschnell die passende Hälfte eines vorgelesenen Gedichts finden muss. Kurz vor Mitternacht gehen dann viele zum Tempel oder Schrein, für das sogenannte Joya no Kane: Eine große Glocke wird genau 108 Mal geläutet, einmal für jede der 108 weltlichen Leidenschaften und Wünsche des Menschen. Anastasia erzählt:
„Wir sind dann um 22:30 zum buddhistischen Tempel in der Nähe gegangen und haben uns angestellt, um eine Nummer für das Läuten der Glocke zu bekommen.“
Gegen die Kälte gab es für alle Wartenden Amazake, ein warmes Getränk aus Hefe und Reis, das Glück und Gesundheit fürs neue Jahr bringen soll.
Der erste Schreinbesuch des Jahres
Am 1. Januar geht es für viele Familien dann zum Hatsumōde, dem ersten Schreinbesuch des Jahres. Man betet für Glück und schiebt sich mit Hunderten anderen Menschen durch lange Schlangen, Weihnachtsmarkt-Feeling, nur eben im Neujahrsfieber. Zu Hause wartet Osechi Ryōri, ein Festmahl in mehreren edlen Lackboxen, bei dem jede Zutat für Glück, Gesundheit oder Wohlstand steht.
Als Kind oder Teenager bekommt man außerdem Otoshidama, Geld in bunten kleinen Umschlägen, im Grunde das japanische Taschengeld von Oma und Opa, nur eben zu Neujahr statt zu Weihnachten.
Weihnachten und Valentinstag: Alles vertauscht
Und was ist dann mit Weihnachten? In Japan ist das Christentum nicht kulturell verankert, deshalb ist der 25. Dezember kein gesetzlicher Feiertag. Stattdessen ist Weihnachten dort zu einem romantischen Date-Abend für Paare geworden. Und ja, es stimmt wirklich: Fried Chicken vom KFC gehört für viele Japaner fest zum Heiligabend dazu, ein Erbe einer cleveren Werbekampagne aus den 1970er Jahren.
Anastasia wollte sich davon nicht abhalten lassen, ein bisschen deutsche Weihnachtsstimmung zu verbreiten. Aus einem Holzkranz vom Don Quijote und Glitzergirlanden aus dem 100 Yen Shop bastelte sie sich einen eigenen Adventskranz. Dazu noch eine Lichterkette und selbst gefaltete Origami-Sterne statt echter Kerzen, schließlich hatte sie vier Gastgeschwister zu Hause.
„Meine Gastfamilie hat sich riesig gefreut, und wir haben jeden Sonntag bis Weihnachten eine weitere Kerze angemacht.“
In der Schule brachte sie ihre Klasse mit 40 Mitschülern zum Wichteln, sogar ihr Klassenlehrer machte mit. Am Nikolaustag legte sie heimlich kleine Tüten mit deutschen Süßigkeiten in die Schuhe ihrer Klassenkameraden im Genkan, dem japanischen Eingangsbereich, wo man die Schuhe auszieht. Ihre Freundinnen revanchierten sich prompt:
„Meine Freundinnen haben dann zu meiner Überraschung auch eine Kleinigkeit in meinen Schuh gelegt und sich Mühe gegeben, auf Deutsch zu schreiben!“
Und auch beim Valentinstag laufen die Dinge andersherum. Nicht die Jungs schenken den Mädchen Schokolade, sondern umgekehrt. Einen Monat später, am White Day im März, müssen die Jungs dann mit einem Gegengeschenk revanchieren. Ein international bekannter Feiertag, komplett neu erfunden.
Obon: Wenn die Ahnen zu Besuch kommen

Der zweite große Familientermin im Jahr ist Obon, Mitte August. Hier geht es weniger um Geschenke als um die eigenen Vorfahren. Man glaubt, dass die Geister der Verstorbenen für ein paar Tage zurückkehren, deshalb reisen Familien wieder nach Hause, besuchen und putzen die Familiengräber.
Am Ende von Obon wird es dann richtig festlich: Bei den Bon Odori tanzen ganze Nachbarschaften gemeinsam zu traditioneller Musik, umgeben von bunten Laternen und Essensständen. Stellt euch ein Sommerfest wie in Deutschland vor, nur mit einem tieferen, fast magischen Hintergrund.

Golden Week: Eine Woche am Stück frei
Ende April bis Anfang Mai reihen sich vier gesetzliche Feiertage hintereinander und ergeben die berühmte Golden Week. Für Japaner ist das die wichtigste Reisewoche des Jahres, vergleichbar mit den freien Tagen um Pfingsten oder Ostern bei uns. Züge und Sehenswürdigkeiten sind proppenvoll, aber wer mit der Gastfamilie einen Ausflug plant, hat hier die beste Gelegenheit dazu.
Erwachsen werden auf Japanisch
Besonders spannend ist auch der Seijin no Hi sein, der Tag der Volljährigkeit im Januar. Alle jungen Erwachsenen, die in diesem Jahr volljährig werden, feiern das mit einer großen, offiziellen Zeremonie. Die Frauen tragen dabei aufwendige Kimono, oft mit riesigen Ärmeln, die Männer klassische Anzüge oder traditionelle Hakama. Das Ganze fühlt sich ein bisschen an wie eine Mischung aus Konfirmation, Jugendweihe und Abiball, nur mit einer eigenen Kleiderordnung und einem staatlich verankerten Feiertag dazu.
Wer jüngere Gastgeschwister hat, bekommt vielleicht sogar das Shichi Go San Fest im November mit. Kinder im Alter von drei, fünf und sieben Jahren werden herausgeputzt und zum Schrein gebracht, um für ihr Wohlergehen zu beten. Kein gesetzlicher Feiertag, aber ein Foto-Highlight für jede japanische Familie.
Feiertage in Japan: Einmalige Erinnerungen
Kurz gesagt: In Japan gibt es weniger Familienfeiertage als in Deutschland, dafür sind die wenigen umso intensiver. Neujahr und Obon sind die beiden großen Fixpunkte. Alles andere ist entweder freie Reisezeit wie die Golden Week, ein persönlicher Meilenstein wie Seijin no Hi, oder ein ursprünglich westlicher Feiertag, der komplett neu interpretiert wurde, wie Weihnachten und Valentinstag.
Wenn ihr während eures Austauschjahres Feiertage in Japan mit eurer Gastfamilie erleben dürft, bekommt ihr einen der authentischsten Einblicke überhaupt in japanisches Familienleben. Und spätestens, wenn ihr im Dezember entspannt Chicken bei KFC esst, statt unterm Weihnachtsbaum zu sitzen, wisst ihr: Genau solche Momente sind es, die man nach einem Austauschjahr niemals vergisst.
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