Gastblog: Auslandsjahr & Fernbeziehung – Wie wir es trotzdem geschafft haben

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Auslandsjahr_Fernbeziehung

Happy End – ein Auslandsjahr muss nicht das Ende eurer Beziehung bedeuten (c) unsplash

Auch ich habe mich ein halbes Jahr bevor es los ging unsterblich in ein Mädchen verliebt. Auch ich verzweifelte immer mehr, je näher der Tag meines Abfluges kam. Und wenn man rational und realistisch denkt, macht man in dieser Phase lieber eine Pause mit der Beziehung, wie ich in meinem letzten Blogbeitrag geschrieben habe. Aber mal ehrlich: Wer bringt das schon übers Herz?

Auslandsjahr & Fernbeziehung

Nach langem hin und her entschloss ich mich jedenfalls, mit meiner Freundin zusammen zu bleiben. Ich war mir todsicher, dass sie nicht fremdgehen würde, habe auch viele ihrer Freunde gefragt, die schätzten sie genauso ein. Ich brachte es einfach nicht über mein Herz, lediglich aus organisatorischen Gründen eine Beziehung zu beenden, die glücklich und perfekt läuft. Und wer garantiert mir bitte, dass ich jemals wieder so jemanden treffen werde?

Wie sich später herausstellt, werde ich in eine christlich orthodoxe Familie kommen, in der Daten ohnehin außer Frage steht. Es ist also keineswegs garantiert, im Ausland auf einmal der größte Playboy werden zu können, wie viele denken.

Dazu hatten wir einen riesigen Vorteil: Sie würde genau wie ich in die USA gehen, ungefähr zur gleichen Zeit wie ich. Besuchen konnten wir uns zwar nicht, aber immerhin gab es keine 7 Stunden Zeitverschiebung zwischen uns. Das war Gold wert: Eine Freundin von mir musste unter der Woche abends bis 10 Uhr wach bleiben, um ihren Freund nach der Schule zu erwischen. Wenn man dann gegen 6 Uhr (oder wie ich um 5:20) aufstehen muss, ist man in der Schule ein soziales Wrack.

Hier kommen meine Tipps:

Ihr braucht irgendetwas krasses, auf das ihr euch freuen könnt.
Eine Aussicht auf nicht nur auf ein Wiedersehen, sondern etwas großes, sozusagen als „Belohnung“, wenn ihr die 10 Monate überstanden habt. Mir beispielsweise hat die Tatsache, dass egal wie schief alles im Ausland läuft, egal wie unglücklich ich bin, wie groß das Heimweh und die Probleme sind – in ein paar Monaten werde ich 3 volle Wochen lang mit meiner wunderschönen Freundin in Griechenland am Strand liegen.

Mit dieser Aussicht fällt es einem leichter, nein zu sagen, wenn sich doch mal die Möglichkeit mit einem hübschen amerikanischen Mädchen (oder Jungen) ergibt. Und egal wie wenig du von dir hältst, irgendwann wird dieser Moment kommen.

Dabei ist entscheidend: Beim ersten Mal, nicht groß nachdenken, sondern entschlossen nein sagen. Ja, der Partner würde es zwar nicht mitbekommen, aber mach dir nichts vor, das wäre das Ende der Beziehung. Wer einmal fremdgeht, tut es nochmal. Und nochmal. Wenn man aber schon einmal nein gesagt hat, hat man auch das Selbstbewusstsein, es nochmal zu tun. „Wenn ich schon so lange treu geblieben bin, ziehe ich das jetzt durch. In ein paar Monaten liege ich in Griechenland am Strand und dagegen ist das hier gar nichts.“ Ich habe beide Einstellungen bei Freunden beobachtet und sie bestätigen sich am laufenden Band. Wer einmal nicht widerstehen kann, fremd zu gehen, wird nie wieder nein sagen können.

Gebt euch vor allem in den ersten Wochen Zeit.

Während der Partner in der Heimat an nichts anderes denken kann, als seinen verschwundenen Partner, wird dieser nicht mal die Zeit dazu haben, überhaupt über die Beziehung nachzudenken. Alles ist neu, aufregend, ablenkend. Direkt, wenn man da ist, anrufen und jeden Abend facetimen? Niemals: eure Gastfamilie hat für die ersten drei Tage mit Sicherheit alles zugeplant. Man will dir alles zeigen, die gesamte Verwandtschaft vorstellen und zusammen mit dem Jetlag und dem Fakt, dass du zu 100% noch kein funktionierendes Handy haben wirst, kann man ausgiebige Telefonate komplett vergessen. Also stellt euch darauf ein und seid auf keinen Fall enttäuscht, wenn erstmal nichts vom anderen kommt. Sobald man nach ein paar Wochen richtig angekommen ist, setzt die Sehnsucht wieder ein. Glaubt mir, ich hab’s ja selbst durchgemacht.

Übertreibt es nicht mit dem facetimen

Je mehr man sich sieht und hört, desto schlimmer vermisst man sich. Ein/zwei Mal die Woche ist eine gute Mitte, sonst hat man sich schnell nichts mehr zu sagen und wird nur jedes Mal traurig, wenn man den Partner wiedersieht. Das klingt wenig, aber mit zu vielen langen Telefonaten erreicht man nur genau das, was man eigentlich vermeiden will: man streitet sich. Sowohl mit dem Partner als auch mit der Gastfamilie. Wenn man zu viel auf seinem Zimmer ist, vernachlässigt man diese nämlich sehr schnell.

„Wir zusammen gegen die Welt“

Eine Beziehung zu halten mit jemanden, den man in und auswendig kennt, hat auch Vorteile. Über das Auslandsjahr werden neben vielen tollen Dingen auch sehr viele Probleme, sehr viel Frust und Traurigkeit aufkommen. Mit den Eltern kann man über so etwas dann auch nicht mehr sprechen, die machen sich nur Sorgen. Auch wenn es nicht das gleiche ist wie eine Umarmung, ist der Partner dann dennoch genau die richtige Person, um dich zu trösten und wieder auf die Beine zu stellen. Verheimlicht nichts voneinander, wenn ihr angemacht wurdet oder z.B. zwangsweise ein Date für einen Schulball braucht. Mir persönlich hat der Gedanke, dass es diese eine Person gibt, die für mich da ist, egal, was passiert, extrem viel geholfen. Alles andere will einen runtermachen, doch diese eine große, unzerstörbare Sicherheit kann einem nichts in der Welt nehmen.

Schreibt Briefe

Man schreibt, man chattet, man sieht sich auf dem Bildschirm… Das kann alles niemals die persönliche Anwesenheit des Geliebten ersetzen. Aber einen mit Mühe handgeschriebenen Brief im Postkasten zu finden, der sogar nach dem Partner duftet, haut einen um. Das lässt die Liebe wieder durch die Decke gehen und man kann ihn sich immer wieder durchlesen, daran riechen… Klingt nach unfassbar kitschigem Mädchenkram, ist aber (gebe sogar ich als Junge zu) in dieser Situation genau das, was man braucht.

Happy End

Ich bin jetzt seit einem halben Jahr aus den Staaten zurück und bin mit meiner Freundin bald seit zwei Jahren zusammen. Die Fernbeziehung war extrem hart. Ob man sich das antun will, muss man selber wissen. Doch in meinem Fall hat es sich gelohnt! Sobald man einmal so eine Zeit zusammen durchgestanden hat, schweißt das quasi auf ewig zusammen. Der Griechenland-Urlaub war unglaublich, nächste Woche geht es nach Kopenhagen zu zweit und im Winter zusammen in den Skiurlaub. Ich bin überglücklich, an dieser Beziehung festgehalten zu haben, über alle Schwierigkeiten hinweg(musste echt oft „nein sagen“:-( ) hat es sich mehr als gelohnt, sich durch eine Fernbeziehung zu beißen. Doch in der Realität bleiben wir beide wohl eine Ausnahme in der Regel…

Von Lennart